How to AiResidency?

Erste Ansätze und eine Reihe von Fragen

Spontan würde ich bei der Formulierung einer künstlerischen oder kuratorischen Idee diese erst einmal entlang der ersten Absicht und entlang von eigenen Wünschen, Begehren und Möglichkeiten entwickeln und erst in einem zweiten Schritt das Feld oder die Debatte erkunden, in dem diese Idee Gestalt annehmen kann. Einfach, um der ersten Imagination die Fantasie, das Leuchten und die Undiszipliniertheit zu erhalten.

Collagen: Yvonne Wilhelm

Im Fall meiner Recherche war die Idee jedoch eher ein Wunschdenken aus einer institutionellen Praxis heraus und als eine Imagination zumindest für mich kaum greifbar. Zudem würde ich die Praxis der Arthur Boskamp-Stiftung unter anderem auch umschreiben mit einem Zur-Verfügung-stellen-für und einem-Arbeiten-mit Kunstakteur:innen.

Das heißt am Anfang standen, wie zumindest ich es rückblickend und teilweise da noch aussenstehend sah, Vorstellungen mit oder für Akteur:innen ein Programm zu entwerfen, welches sich dann in der Umsetzung mit diesen beispielsweise Kurator:innen oder förderpreistragenden Künstler:innen weiterformuliert.  In diesem Fall: wäre es machbar, neben einer temporären Wohn- und Arbeitsmöglichkeit für die Förderpreisträger:innen auch anderen Künstler:innen und Kunstarbeitenden eine derartige Aufenthaltsmöglichkeit in Hohenlockstedt zu ermöglichen? Nur wem genau, unter welchen Bedingungen und in welchem schon existierenden kunstlandschaftlichen Zusammenhang?

Immerhin gab es neben einem möglichen Ort – dem gerade erworbenen Soldatenheim, das nach einem entsprechenden Umbau auch Wohn- und Arbeitsmöglichkeit für Gastkünstler:innen sein könnte -, bereits einen kleinen Zusammenhang, in dem sich Erfahrungen und Wissen teilen und austauschen ließ: das kurz zuvor auch von der Arthur Boskamp-Stiftung mitgegründete Netzwerk der Künstlerhäuser in Norddeutschland (NKN).

Wir wollten also erst einmal wissen, was es an AiR-Programmen gibt oder noch nicht gibt; für welche Personen diese gedacht sind und für welche nicht; welches Arbeiten sie ermöglichten und welche Schwerpunkte in diesem Programmen gesetzt sind? Bevor wir zu imaginieren begannen, scrollte ich erst einmal durch Onlinedatenbanken , um festzustellen, dass es vieles Vorstellbares und manches Unvorstellbare gibt – häufig in manigfaltiger Ausführung.

Wie also lässt sich ein eigenes, also der austragenden Institution entsprechendes, AiR-Programm erarbeiten?

Das Gefüge der mittelbar und unmittelbar Beteiligten bei derartigen Programmen besteht häufig aus

– der gastgebenden Institution;

– den möglichen Gäst:innen – Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Kurator:innen etc;

– der Lokalität mit ihren Bewohner:innen, Institutionen, Vereinen und dem alltäglichen Leben;

– den privaten und kulturpolitischen Förderern, die manchmal auch vor Ort oder aus der Region sind;

– dem Kunstfeld, mit dem sich das Programm gewollt verbindet oder verbinden und austauschen möchte;

Da die Akteur:innen in der Regel auf Bestreben der Initiierenden zusammenwirken, aber selten zu deren alleinigen Bedingungen  – was nicht nur langweilig, sondern auch vermessen wäre – kann ein neues Programm sich nur prozessual in kontinuierlicher Abstimmung in einem solche Gefüge entwickeln, in dem die nutzbaren oder zu entwickelnden Fördermöglichkeiten ebenso zu berücksichtigen sind wie Kapazitäten der tragenden Institution; lokal- und regionalpolitische Erwartungen – Wirtschafts- oder Tourismusprojektionen waren und sind immer wieder Initialzündungen für Künstlerhäuser –; oder das eigene Netzwerk an verbundenen Institutionen; & wirklich nicht zuletzt die Infrastrukturen und Nachbarschaften vor Ort – selbst dann, wenn das Programm nicht durchgehend öffentlich sein möchte. Das Zentrale ist allerdings ein Bewußtsein für die zeitgenössische Kunstproduktion und die Bedürfnisse der Künstler:innen. Sie werden, unabhängig von den institutionellen Setzungen, das Programm, dessen Entstehung und Entwicklungen prägen.  Eine derartige Vorstellung geht davon aus, dass das AiR-Programm zentral bei der Programmierung gesetzt ist. Es gibt durchaus Beispiele, wunderbare zudem, in dem das AiR-Programm Teil eines anderen Programms ist, beispielsweise im Rahmen von Kulturfestivals und länger angelegten Kooperationen von Ausstellungsinstitutionen. Wenn wir also von dieser Vorstellung ausgehend uns einen möglichen AiR-Baukasten vorstellen, wären die Gastkünstler:innen auf der Aktionsfläche gesetzt.

In diesem Baukasten, um im Bild zu bleiben, gibt es noch eine Vielzahl von Teilen, die das How to…? immer wieder zu einem fast auseinanderfallenden Wimmel- und Suchbild werden lassen. Eben, eine ganze Reihe von Fragen – pick your fav ones: Welche Arbeitsräume, Werkstätten und Tools sollten für eine offene, künstlerisch-forschende Praxis zur Verfügung gestellt werden? Oder findet eine künstlerische Praxis immer ihre Wege und Mittel selbst? Zwischen Spezifisch und Allgemein. Für das Spezifische spricht die Schärfung, die einen Ansatz stärkt. Für das Allgemeine eine offenere Zugangsmöglichkeit. Das Spezifische, beispielsweise ein thematischer Schwerpunkts oder einer strukturellen Einschränkung, könnte immer wieder aus dem Allgemeinen heraustreten, also Setzungen setzen, die wechseln. Und wird das Spezifische durch ein immer wieder auf lange Sicht nicht allgemein und somit verwässert? Und was bedeuten derartige Setzungen für die Ausschreibung – ist es für die Bewerber:innen hilfreich, diese beispielsweise thematisch einzuschränken oder verführen sie nur dazu, den Antrag anders zu formulieren als die eigene Praxis gedacht ist? Sind breit angelegte und weit gestreute Ausschreibungen überhaupt sinnvoll, wenn im Vorfeld klar ist, dass der erfolgreiche Anteil der Antragstellenden sehr gering ist (so musste beispielsweise 2021 die aussergewöhnlich reizvolle Saari-Residency 28 Künstler:innen aus 691 Bewerbungen wählen; es waren also nur 4% der Bewerber:innen erfolgreich)? Oder sollte versucht werden, Antragsverfahren zu standardisieren, damit die Antragssteller:innen ihre Bewerbungen nicht jedes Mal spezifisch formulieren müssen, sondern nur leicht anpassen können? Und würde dass den häufig orts- oder kontextspezifischen Ansprüchen der Ausschreibenden nicht widersprechen? Aber ist nicht der künstlerische oder wissenschaftliche Zugang zu lokalen Spezifika, zumal aus der Distanz, nicht häufig vielmehr eingeübter Teil eines Repertoires als präzise projizierte Vorstellung vom anderen Ort? Wie genau kann also die Vorstellung von möglichen Bewerber:innen sein, wenn doch auch das Magische an Auswahlverfahren ist, überrascht zu werden von der Nichtvergleichbarkeit eines Antrags, der genau deshalb passt, weil es die vorgegebene AiR-Passform der gastgebenden Institution erweitern kann? Diese also im besten Fall instituierend operieren kann. Eine ganze Reihe von Fragen. & bis hierin waren es nur solche, die vor allen Dingen die programmatischen Setzungen betreffen. Wie agiere ich aus der Perspektive einer initiierenden Kunstistitution heraus lokal-, regional- und kutlurpolitisch? Kulturpolitik ist aus guten Gründen immer auch Symbolpolitik. Was davon kann ein AiR-Programm bedienen oder wie kann es erweitert werden, um einen kulturpolitischen Nutzen zu stärken? Wie sind bestehende Förderstrukturen zu nutzen oder wie die Möglichkeit weitere in die Wege zu leiten? Sollte sich die Beziehung zwischen einer Kunstinstitution und der Kulturpolitik auf die Möglichkeiten einer Förderung beschränken? Und wenn nicht, wie wird eine gemeinsame Sprache und Vorgehensweise gefunden, die den (kunst-)produzierenden, verwaltenden, politisch gestaltenden Stellen gleichermaßen gerecht wird, um über weitergehende Interessen zu sprechen? Wie verhält sich ein Programm – und das betrifft hier nicht nur AiR-Angebote – zu den unmittelbaren lokalen Nachbarschaften – nimmt es Themen auf, die auch die Nachbarschaft beschäftigen; werden die Nachbar:innen als mögliche Akteur:innen oder Protagonist:innen adressiert oder genau das vermieden; werden Interessierte aus dem lokalen Umfeld an der Gestaltung des Programms beteiligt; lassen sich Ressourcen teilen? Wer ist eigentlich die Nachbarschaft und wie ist die Institution und die darin  und dafür Tätigen Teil davon? Wenn Nachbarschaft nicht nur lokal, sondern auch regional und überregional kunst- und kulturspezifisch gesehen werden kann: wie weit verbinden sich Kunstproduzierende und deren Institutionen über einen kulturpolitischen Austausch hinaus geht; auch hier wieder die Frage nach der Möglichkeit Ressourcen zu teilen; aber sich auch zu ergänzen; programmatisch gastgebend und besuchend zu sein? Wenn das nur ein Ausschnitt anfänglicher Fragen ist, dann sind solche, die später die ausführende Praxis begleiten, erst einmal aufgeschoben, aber eben schon auch da: welche Brüche ermöglicht ein Programm, um einerseits durch mögliche Unterbrechungen an der einen oder anderen Stelle dieses eben auch explizit weiterzuführen und andererseits auf gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren – beispielsweise spontan fürsorgend Unterkunft und Arbeitsmöglichkeit für andere auch Kunstproduzierende zu ermöglichen, die einen derartige Möglichkeiten aufgrund ihrer politischen oder gesellschaftlichen Unmöglichkeiten dringend benötigen? 

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